Gelebte Gleichberechtigung in der Beziehung muss verhandelt werden.

Frau A. meldete sich auch im Namen ihres Mannes für eine Paarberatung an. Bereits zu Beginn des ersten Standortgesprächs fällt das Schlagwort der „Gleichberechtigung“. Beide Ehepartner teilten selbstverständlich die feste Überzeugung, dass es die Gleichberechtigung als Paar und als Eltern gemeinsam zu sichern gelte. Doch waren sie sich scheinbar nicht einig darüber, wie diese Gleichberechtigung gelebt werden soll. Sie waren sich nicht einig darüber, wie eine Gleichberechtigung auf der Handlungsebene zu realisieren ist. Mit dieser Ausgangssituation wurde ich während den vergangenen zwanzig Jahren sehr oft konfrontiert.

Das Idealbild des 50/50-Modells und die Realität

Wie beim Ehepaar A. nährten sich die Konflikte vieler beratener Paare aus der Tatsache, dass die angestrebte ideale Arbeitsteilung eines „Fifty-Fifty“ nur unter Einbusse des bisherigen Lebensstandards zu Wege gebracht werden kann. So auch beim Ehepaar A. Denn wenn das Paar seinen bisherigen Lebensstandard aufrechterhalten wollte, dann war es nicht möglich, dass Herr A. seine gut bezahlte Anstellung von 80% auf 50% reduzieren würde. Auch wenn Frau A. ihre Anstellung von 30% auf 50% anheben könnte, würden sie als Paar empfindlich weniger verdienen als bis anhin. Diese Aufteilung der Stellenprozente störte indes das Familienleben, eigentlich wollten ja beide Ehepartner einen gleichberechtigten Anteil an der Erziehung der gemeinsamen Tochter haben. Beide waren damit unzufrieden, dass der Mann den grössten Teil der Woche ausser Haus verbrachte und manchmal noch spät nach Hause kam. Die Realisierung des angestrebten idealen „Fifty-Fifty“ hätte unweigerlich verlangt, die Abstriche im Lebensstandard in Kauf zu nehmen.

Gelebte Gleichberechtigung hat „ihren Preis“

Die Konflikte des Ehepaars A. entstanden, so wurde im Verlauf weiterer Sitzungen immer deutlicher, vorwiegend aus der faktischen Unvereinbarkeit von gewohntem Lebensstandard und ausgewogener Arbeitsteilung. Obwohl sich Herr und Frau A. in der Sache der Gleichberechtigung einig waren, wurde ihre geteilte Unentschiedenheit zwischen Verdienst und Familienzeit jeweils rasch von ideologischen Schlagworten und Ungewissheiten gegenüber dem eigenen Männer- bzw. Frauenbild überlagert. Gegenseitig wurden kategorische Anschuldigungen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit hervorgebracht.

Auch wenn es auf soziologischer Ebene erstaunen mag, dass auch heute noch viele Paare nach der Geburt eines Kindes in Abwandlungen einer traditionellen Aufteilung von Lohnarbeit (Mann) und Hausarbeit (Frau) leben, gründen alltägliche Konflikte um das Schlagwort „Gleichberechtigung“ nicht immer in dieser soziologischen Ebene. Die Konflikte sind gemäss meiner Erfahrung oft einfacher und in den meisten Fällen geteilt: Sie gründen in Fragen des Lebensstandards und der Verunsicherung gegenüber den eigenen Geschlechterrollen, die erst im Nachgang von politischen und abstrakten Argumenten überlagert werden. Für das Ehepaar A. hat es sich gelohnt, zwischen einer ideologischen Ebene der Gleichberechtigung und einer Ebene der gelebten Gleichberechtigung zu unterscheiden. Sie haben sich nach einem langen und dringend nötigen Aushandlungsprozess dazu entschlossen, ihr Leben bescheidener zu gestalten, um das von beiden angestrebte Ideal des „Fifty-Fifty“ auch wirklich zu leben.